Im UNPERFEKTHAUS, einem hässlichen Betonbau, sind alle Arten
schöner Experimente versammelt. Hier darf jeder, wie er will,
alle Gäste sind verzaubert. Und das Ganze soll auch noch Gewinn
machen
Text: Thomas Mader, Fotos: Anne Kathrin Schuhmann
Die Mönche hat niemand vertrieben, sie sind
freiwillig gegangen. Der letzte, ein polnischer Franziskaner, lebte
ganz allein in dem riesigen Stahlbetonkloster, das eher an ein Parkhaus
mit Fenstern erinnert, gleich neben Karstadt. Doch 1999 gab auch
er seinen Schlüssel ab. Als nach fünf Jahren noch immer
keiner die Beichtstühle beiseite geräumt hatte, kam endlich
ein Mann mit einer wirklich neuen Idee.
Reinhard Wiesemann hatte den Gedanken, sein Unperfekthaus
zu gründen, vor zehn Jahren auf einer Baustelle. „Dort
habe ich erfahren, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem
Perfektionsgrad einer Umgebung und der Anzahl der Leute, die aktiv
werden können.“ Mit anderen Worten: Wenn sich die Umgebung
der Perfektion nähert, schwindet das Interesse an ihr.Wiesemann
hat ständig solche Ideen – und er findet Anwendungen.
Bastelte im elterlichen Keller aus zwei Kassettenrekordern ein Modem
für Fernschreiber und machte den ersten Platz bei einem Wettbewerb
für junge Erfinder, gründete mit 18 Jahren die heutige
Firma Wiesemann & Theis, modelte die Industriellenvilla Vogelsang
in das noble Linux-Hotel um. Und dann kauft dieser erfolgreiche
Unternehmer ein klotziges Kloster, um Ateliers aus den Mönchszellen
zu machen, einen Konzertsaal aus der Kapelle, und die neuen Yogaräume
gibt er umsonst an Kreative ab. Umsonst? Einschließlich der
50 Computer, der Musikinstrumente, der Strom- und Heizkosten? „Ich
will wirklich Geld damit machen“, sagt der 46-Jährige.
Spätestens 2007 soll sein Unperfekthaus die Gewinnschwelle
erreichen. Für die Tagesbesucher gilt ein Mindestverzehr von
sieben Euro. „Aber auch das Haus selbst“, sagt Wiesemann,
„ist vergleichbar mit einem Büfett: all you can do.“
Elvira Sürig will mit ihrer Kreativ-Küche
„herausfinden, ob der Körper ein Bedürfnis nach
bestimmten Farben hat.Wie schmeckt Grün oder Gelb?“ Nach
Spaghetti mit Limonen-Petersilien-Sauce zum Beispiel. Dazu zeigt
ein Künstler seine computergenerierte Visualisierung von geschmacklich
abgestimmter Musik. Jemand trägt erotische Lyrik vor. Dann
Farbwechsel: „Frittierte Rosen in Weinteig sind traumhaft
– aber wo krieg’ ich ungespritzte Rosen her?“
Zum Dessert vielleicht die blaue Erdbeere. Blaubeeren wären
zu einfach. Noch ist das nur Idee, denn es ist schwierig, Publikum
zu finden für Eat Art. Aber wo, wenn nicht im Unperfekthaus,
denkt die ehemalige Restaurantbetreiberin mit dem tomatenroten Schopf.
„Vielleicht mach’ ich ein Buch mit anderen Künstlern.“
Und warum nicht eine Fernsehsendung stattfinden lassen: So kocht
der Pott.
Karsten Behr begegnen wir in der spirituellen
Klönecke. Zufällig. Esoterik und Religion sind eigentlich
nicht sein Ding – „aber wenn mir in meinem Kelleratelier
die Decke auf den Kopf fällt, gehe ich rum und gucke, wen ich
treffe.“ Und so bleibt der Kunsthandwerker eben hängen
auf der Dachterrasse, wo’s gerade um Cappuccino und Reiki
geht. Behr hätte auch Sina Traube treffen
können; das wäre lustig geworden, denn sie gibt Lachseminare.
Oder mit Nicole Ollech fachsimpeln, seiner Nachbarin,
die ebenfalls plastisch arbeitet, allerdings mit Styropor. „Hier
gibt’s Ideen im Haus, da kann man aufspringen, man kann es
auch lassen“, sagt der 37-Jährige. Das gilt auch für
Besucher, denn alle Räume stehen offen: Der Physiker Gerold
Geist erklärt, wie man Blitze mit Strom aus Wasser macht, der
Kabarettist Volker Stewin sitzt auf dem Flur im dritten Stock und
singt eine Ode an die Arbeitsagentur, und Karsten Behr führt
uns das bunt bemalte Treppenhaus hinunter, vorbei an dem goldbesprühten
Computer im Einkaufswagen – eines seiner Frühwerke. Die
Tür geht auf: Tücher, Lichtketten, eine kleine Theke und
ein Sofa, auf dem sich viel zu selten ein Besucher niederlässt.Aus
der Rückwand wachsen anemonenhafte Deckenstrahler. Der gelernte
Stukkateur träumt von einem eigenen Betrieb, um Räume
zu gestalten wie sein Vorbild Gaudí. Dass man das Unperfekthaus
verlässt, sagt er, ist in dem Konzept enthalten.
Walther Panthen meditiert neben den Beichtstühlen
über die Dialektik von Sexus und Tod. Oder spielt er nur Solitär
an seinem Computer? Es ist ein wenig schmuddelig in seiner Ecke.
Hier steht ein Stuhl mit Mikro, den er zur Speakers’ Corner
deklariert hat, dahinten sein Sarg, den er für „Begehungen“
anbietet – als Aufforderung und Methode zur Systematisierung
der Sehnsüchte: Besteige den Sarg und spüre deine Freiheit!
Ab und an lässt er sich auch darin durch die City tragen und
segnet Kuscheltiere. Der „Stadtgeist“ alias Al Pino
alias Walter Panthen will provozieren. „Und das tut er intensiv“,
sagt Wiesemann. „Einige haben schon seinetwegen das Haus verlassen.“
Aber Wiesemann hat erkannt, dass jede Stadt so einen braucht, der
ein bisschen Chaos stiftet. Ein Simulationskünstler ist der
Stadtgeist vielleicht, aber einer, der stimuliert.
Wolfgang Bort zündet in Sürigs Dachgartencafé
eine Rakete. Die mit Wasser und Luftdruck befeuerte Plastikflasche
macht „platsch“ und den Kindern und Kinderinnen riesig
Spaß. Seit 1981 betreibt der 59-jährige Bort die mobile
Spielwerkstatt Rhinozeros. Lässt Boote aus Milchtüten
falten, ein Museum aus Kernseife schnitzen, Tetraeder aus Zahnstochern
und aufgeweichten Erbsen konstruieren. Legionen von Pädagogen
haben sich bei ihm weitergebildet. Die Kinderkulturwerkstatt ist
für Bort ein „Schaufenster“, um neue Kunden zu
gewinnen. Nebenbei befragt er sie für eine Studie über
Orte der Kindheit. Ein Buchprojekt soll daraus werden und ein neues
Standbein in der Beratung von Stadtplanern und Architekten. Erste
Erkenntnisse: „Faszinierend ist nicht der schöne Spielplatz,
sondern der Bastelkeller, wo mal was kaputtgehen darf. Ein begrenzter,
fehlerfreundlicher Freiraum.“ Und eine perfekte Umschreibung
für das Unperfekthaus.
  
Merian-Tipp
Und
das gibt's auch noch
Unperfekthaus
Friedrich-Ebert-Str. 18
Tel. (02 01) 84 73 50
www.unperfekthaus.de
info@unperfekthaus.de
Der Eintritt ist entweder frei, dann muss man
für ein Minimum von 7 € (4 € ermäßigt)verzehren.
Dafür gibt es einen Verzehrgutschein, der an verschiedenen
Stellen im Haus einlösbar ist. Oder man zahlt Eintritt ohne
Verzehrzwang. Dafür gibt es Wochenkarten (7 €), Monatskarten
(20 €) und Jahreskarten (120 €), erm. 4 €/12€/72€.
Kinder bis 6 Jahre kommen kostenlos rein. Außer den Leistungen
der vielen Kreativen kann man dann noch etliche Dinge genießen.
UND DAS SIND
... die Angezogen-Sauna: 2 Minuten lang inhaliert
man 90 Grad heiße Saunaluft, aber da der Wintermantel vor
der Hitze schützt, kommt man nicht ins Schwitzen. Soll bestens
vor Erkältungen schützen.
Im Erdgeschoss befindet sich das Café und Restaurant „Wohnraum“.
Nicole Hofen kreiert mit ihrem Team erstklassige, preiswerte Frischküche.
Wenn man im 4. Stock durch die Kreativküche und dann durch
zwei weitere Türen geht, kommt man in den Raum 451.
Das ist der Ruheraum, wo City-Gestresste einfach
ein Nickerchen halten können.
Im Tonstudio in Raum 321 kann man Musikmachern
bei der Arbeit zuschauen, man kann sich aber auch ein Stückchen
komponieren lassen, zum Mitnehmen oder Verschenken.
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