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Reinhard Wiesemann erfindet freudig Risiken.

Fotos: Merian, Anne Kathrin Schuhmann

 

Nicole Ollech bildhauert in Styropor.
 

Sina Traube lehrt Leute lachen.
 

Walter Panthen entgeistert als Stadtgeist.
 

Elvira Sürig lässt das Auge mitgenießen.
 

Karsten Behr träumt von schönen Räumen.
 

Wolfgang Bohrt kultiviert Kinder-Kultur.
 
 
  Merian extra "Essen", Februar 2006
>> Nobody is perfect
 


Im UNPERFEKTHAUS, einem hässlichen Betonbau, sind alle Arten schöner Experimente versammelt. Hier darf jeder, wie er will, alle Gäste sind verzaubert. Und das Ganze soll auch noch Gewinn machen

Text: Thomas Mader, Fotos: Anne Kathrin Schuhmann

Die Mönche hat niemand vertrieben, sie sind freiwillig gegangen. Der letzte, ein polnischer Franziskaner, lebte ganz allein in dem riesigen Stahlbetonkloster, das eher an ein Parkhaus mit Fenstern erinnert, gleich neben Karstadt. Doch 1999 gab auch er seinen Schlüssel ab. Als nach fünf Jahren noch immer keiner die Beichtstühle beiseite geräumt hatte, kam endlich ein Mann mit einer wirklich neuen Idee.

Reinhard Wiesemann hatte den Gedanken, sein Unperfekthaus zu gründen, vor zehn Jahren auf einer Baustelle. „Dort habe ich erfahren, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Perfektionsgrad einer Umgebung und der Anzahl der Leute, die aktiv werden können.“ Mit anderen Worten: Wenn sich die Umgebung der Perfektion nähert, schwindet das Interesse an ihr.Wiesemann hat ständig solche Ideen – und er findet Anwendungen. Bastelte im elterlichen Keller aus zwei Kassettenrekordern ein Modem für Fernschreiber und machte den ersten Platz bei einem Wettbewerb für junge Erfinder, gründete mit 18 Jahren die heutige Firma Wiesemann & Theis, modelte die Industriellenvilla Vogelsang in das noble Linux-Hotel um. Und dann kauft dieser erfolgreiche Unternehmer ein klotziges Kloster, um Ateliers aus den Mönchszellen zu machen, einen Konzertsaal aus der Kapelle, und die neuen Yogaräume gibt er umsonst an Kreative ab. Umsonst? Einschließlich der 50 Computer, der Musikinstrumente, der Strom- und Heizkosten? „Ich will wirklich Geld damit machen“, sagt der 46-Jährige. Spätestens 2007 soll sein Unperfekthaus die Gewinnschwelle erreichen. Für die Tagesbesucher gilt ein Mindestverzehr von sieben Euro. „Aber auch das Haus selbst“, sagt Wiesemann, „ist vergleichbar mit einem Büfett: all you can do.“

Elvira Sürig will mit ihrer Kreativ-Küche „herausfinden, ob der Körper ein Bedürfnis nach bestimmten Farben hat.Wie schmeckt Grün oder Gelb?“ Nach Spaghetti mit Limonen-Petersilien-Sauce zum Beispiel. Dazu zeigt ein Künstler seine computergenerierte Visualisierung von geschmacklich abgestimmter Musik. Jemand trägt erotische Lyrik vor. Dann Farbwechsel: „Frittierte Rosen in Weinteig sind traumhaft – aber wo krieg’ ich ungespritzte Rosen her?“ Zum Dessert vielleicht die blaue Erdbeere. Blaubeeren wären zu einfach. Noch ist das nur Idee, denn es ist schwierig, Publikum zu finden für Eat Art. Aber wo, wenn nicht im Unperfekthaus, denkt die ehemalige Restaurantbetreiberin mit dem tomatenroten Schopf. „Vielleicht mach’ ich ein Buch mit anderen Künstlern.“ Und warum nicht eine Fernsehsendung stattfinden lassen: So kocht der Pott.

Karsten Behr begegnen wir in der spirituellen Klönecke. Zufällig. Esoterik und Religion sind eigentlich nicht sein Ding – „aber wenn mir in meinem Kelleratelier die Decke auf den Kopf fällt, gehe ich rum und gucke, wen ich treffe.“ Und so bleibt der Kunsthandwerker eben hängen auf der Dachterrasse, wo’s gerade um Cappuccino und Reiki geht. Behr hätte auch Sina Traube treffen können; das wäre lustig geworden, denn sie gibt Lachseminare. Oder mit Nicole Ollech fachsimpeln, seiner Nachbarin, die ebenfalls plastisch arbeitet, allerdings mit Styropor. „Hier gibt’s Ideen im Haus, da kann man aufspringen, man kann es auch lassen“, sagt der 37-Jährige. Das gilt auch für Besucher, denn alle Räume stehen offen: Der Physiker Gerold Geist erklärt, wie man Blitze mit Strom aus Wasser macht, der Kabarettist Volker Stewin sitzt auf dem Flur im dritten Stock und singt eine Ode an die Arbeitsagentur, und Karsten Behr führt uns das bunt bemalte Treppenhaus hinunter, vorbei an dem goldbesprühten Computer im Einkaufswagen – eines seiner Frühwerke. Die Tür geht auf: Tücher, Lichtketten, eine kleine Theke und ein Sofa, auf dem sich viel zu selten ein Besucher niederlässt.Aus der Rückwand wachsen anemonenhafte Deckenstrahler. Der gelernte Stukkateur träumt von einem eigenen Betrieb, um Räume zu gestalten wie sein Vorbild Gaudí. Dass man das Unperfekthaus verlässt, sagt er, ist in dem Konzept enthalten.

Walther Panthen meditiert neben den Beichtstühlen über die Dialektik von Sexus und Tod. Oder spielt er nur Solitär an seinem Computer? Es ist ein wenig schmuddelig in seiner Ecke. Hier steht ein Stuhl mit Mikro, den er zur Speakers’ Corner deklariert hat, dahinten sein Sarg, den er für „Begehungen“ anbietet – als Aufforderung und Methode zur Systematisierung der Sehnsüchte: Besteige den Sarg und spüre deine Freiheit! Ab und an lässt er sich auch darin durch die City tragen und segnet Kuscheltiere. Der „Stadtgeist“ alias Al Pino alias Walter Panthen will provozieren. „Und das tut er intensiv“, sagt Wiesemann. „Einige haben schon seinetwegen das Haus verlassen.“ Aber Wiesemann hat erkannt, dass jede Stadt so einen braucht, der ein bisschen Chaos stiftet. Ein Simulationskünstler ist der Stadtgeist vielleicht, aber einer, der stimuliert.

Wolfgang Bort zündet in Sürigs Dachgartencafé eine Rakete. Die mit Wasser und Luftdruck befeuerte Plastikflasche macht „platsch“ und den Kindern und Kinderinnen riesig Spaß. Seit 1981 betreibt der 59-jährige Bort die mobile Spielwerkstatt Rhinozeros. Lässt Boote aus Milchtüten falten, ein Museum aus Kernseife schnitzen, Tetraeder aus Zahnstochern und aufgeweichten Erbsen konstruieren. Legionen von Pädagogen haben sich bei ihm weitergebildet. Die Kinderkulturwerkstatt ist für Bort ein „Schaufenster“, um neue Kunden zu gewinnen. Nebenbei befragt er sie für eine Studie über Orte der Kindheit. Ein Buchprojekt soll daraus werden und ein neues Standbein in der Beratung von Stadtplanern und Architekten. Erste Erkenntnisse: „Faszinierend ist nicht der schöne Spielplatz, sondern der Bastelkeller, wo mal was kaputtgehen darf. Ein begrenzter, fehlerfreundlicher Freiraum.“ Und eine perfekte Umschreibung für das Unperfekthaus.

Merian-Tipp
Und das gibt's auch noch

Unperfekthaus
Friedrich-Ebert-Str. 18
Tel. (02 01) 84 73 50
www.unperfekthaus.de
info@unperfekthaus.de

Der Eintritt ist entweder frei, dann muss man für ein Minimum von 7 € (4 € ermäßigt)verzehren. Dafür gibt es einen Verzehrgutschein, der an verschiedenen Stellen im Haus einlösbar ist. Oder man zahlt Eintritt ohne Verzehrzwang. Dafür gibt es Wochenkarten (7 €), Monatskarten (20 €) und Jahreskarten (120 €), erm. 4 €/12€/72€. Kinder bis 6 Jahre kommen kostenlos rein. Außer den Leistungen der vielen Kreativen kann man dann noch etliche Dinge genießen.

UND DAS SIND

... die Angezogen-Sauna: 2 Minuten lang inhaliert man 90 Grad heiße Saunaluft, aber da der Wintermantel vor der Hitze schützt, kommt man nicht ins Schwitzen. Soll bestens vor Erkältungen schützen.

Im Erdgeschoss befindet sich das Café und Restaurant „Wohnraum“. Nicole Hofen kreiert mit ihrem Team erstklassige, preiswerte Frischküche. Wenn man im 4. Stock durch die Kreativküche und dann durch zwei weitere Türen geht, kommt man in den Raum 451.

Das ist der Ruheraum, wo City-Gestresste einfach ein Nickerchen halten können.

Im Tonstudio in Raum 321 kann man Musikmachern bei der Arbeit zuschauen, man kann sich aber auch ein Stückchen komponieren lassen, zum Mitnehmen oder Verschenken.

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